Januar 2015

Das Kamel und das Zelt

Ein Beduine schlug sein kleines Zelt auf und legte sich zur Ruhe. Als in der Nacht die Temperatur sank, weckte ihn das Kamel mit einem sanften Rippenstoss.
Das Kamel sagte: „Meister, es ist kalt; darf ich meine Nase ein wenig in das Zelt stecken, um sie zu wärmen?“
Der Beduine willigte ein und schlief wieder ein.
Nach einer Stunde war dem Kamel noch kälter.
Es rief: „Meister, Meister! Es ist inzwischen noch kälter geworden. Darf ich meinen Kopf in dein Zelt stecken, um ihn ein wenig zu wärmen?"
Der Beduine willigte ein und schlief wieder ein.
Nachdem ihm erlaubt worden war, seine Nase und seinen Kopf ein wenig zu wärmen, wurde ihm dies später auch für den Hals zugebilligt. Schlussendlich drängte das Kamel, ohne zu fragen, seinen ganzen Umfang unter das Zeltdach. Der Beduine lag nun völlig unbedeckt und frierend am Boden. Das Kamel hatte das Zelt zusammengerissen, das jetzt in völligem Durch einander über seinem Höcker hing.
Das verwirrte Kamel wunderte sich und sagte: „Wo ist denn bloss das Zelt geblieben?“

Sufismus, Überliefert von
Scheich Abdu l-Aziz, 7. Jhdt.,
Neufassung Reinhold Dietrich